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Volksbund rückt Gedenken an Euthanasie-Opfer in den Fokus

04. März 2021
Idstein/Kalmenhof, Kriegsgräberstätte

Würden wir nicht am liebsten schweigen?

„Fassungslos und voller Trauer stehen wir an Euren Särgen. Würden wir nicht am liebsten schweigen, weil wir nicht wissen, wie wir diesem Moment begegnen sollen?“ Worte, die ein evangelischer Geistlicher für zwei Kleinkinder und eine Jugendliche sprach, die in der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof ermordet worden waren – drei von vermutlich über 700 Euthanasie-Opfern im hessischen Idstein. Mit ihrer Exhumierung und Wiederbeisetzung erreichten der Volksbund und seine Partner bundesweit Aufmerksamkeit dafür. Auch Sendezeit im „heute-Journal“ gehörte dazu.

Worum geht es? Für die Gemarkung der Stadt Idstein sind zwei Kriegsgräberstätten registriert, also Friedhöfe, die den gewaltsamen Tod der auf ihnen bestatteten Menschen bezeugen und deren Gräber durch das Gräbergesetz der Bundesrepublik Deutschland unter besonderem Schutz stehen. Die Schicksale der Menschen, die auf diesen beiden Kriegsgräberstätten begraben sind, könnten – auch wenn alle Toten einen gewaltsamen Tod gestorben sind – nicht unterschiedlicher sein als diese. 

Während auf einer der beiden Kriegsgräberstätten nahezu ausschließlich Kinder und Jugendliche bestattet sind, die vorsätzlich im Krankenhaus der Heilanstalt Kalmenhof ermordet wurden, finden sich auf dem Gräberfeld des Städtischen Friedhofs vorwiegend die Gräber von Männern und Frauen, die im Laufe des Krieges an dessen Folgen verstorben sind.

Gibt es eine wissenschaftliche Grundlage?

Nahezu vergessen ist aber, dass es noch bis 1971 auf dem Städtischen Friedhof ein weiteres Gräberfeld gab, auf dem ebenfalls Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde beigesetzt waren. Diese Gräber existieren nach Aussage der Stadt Idstein heute nicht mehr. Das Gräberfeld wurde von der Kommune aufgelöst.

Weitere im Krankenhaus Kalmenhof ermordete Menschen sollen auf dem jüdischen Friedhof außerhalb der Stadt begraben worden sein. Seit 2019 liegt ein wissenschaftlicher Forschungsbericht vor, der von dem zuvor einberufenen Kalmenhof-Gremium in Auftrag gegeben worden war. Der Abschlussbericht der beiden Wissenschaftler ist auf der Internetseite von Vitos Rheingau GmbH, einer Einrichtung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, veröffentlicht. Eine ihrer Tochtergesellschaft betreibt den Kalmenhof heute als sozialpädagogische Einrichtung der Jugend- und Behindertenhilfe.

Was hat der Volksbund damit zu tun?

Auf Basis dieses Forschungsberichts erhielt der Volksbund 2020 den Auftrag, auf verschiedenen Grundstücken rund um das bestehende Kriegsgräberfeld, der Gedenkstätte Idstein-Kalmenhof, zu sondieren und auf dem Areal der Kriegsgräberstätte eventuell vorhandene Freiflächen für spätere Einbettungen zu ermitteln. Um die Bodeneingriffe möglichst schonend zu gestalten, gingen den Grabungen mehrere GeoRadar-Sondierungen voraus, die der Volksbund vermittelte und fachlich begleitete.

Die Feststellungsgrabungen übernahm Joachim Kozlowski, der vorwiegend in Brandenburg tätige Umbetter des Volksbundes, in Kooperation mit einem Experten der hessenArchäologie/Landesamt für Denkmalpflege.  Mit Einverständnis der Behörden öffneten die Experten eine der vorhandenen Grablagen vollständig, bargen und exhumierten die menschlichen Überreste gemeinsam mit einer Rechtsmedizinerin, die diese anschließend zur rechtsmedizinischen Untersuchung nach Frankfurt mitnahm.

Inzwischen steht fest, dass es sich bei den dabei geborgenen Skeletten um zwei männliche Kleinkinder und eine weibliche Jugendliche handelt. Alle drei Skelette wurden in einer einzigen Grablage und in gleicher Tiefe gefunden. Die rechtsmedizinische Untersuchung wurde noch im November 2020 abgeschlossen und dokumentiert. Die Wiederbeisetzung fand – unter Pandemiebedingungen – in feierlichem Rahmen und unter großer Anteilnahme aller Beteiligten und Akteure am Volkstrauertag 2020 statt. Eingeladen hatte dazu der Landeswohlfahrtsverband Hessen, in dessen Obhut sich die Gräberstätte befindet.

Wie geht es nun weiter?

Erstmals war 1982 ein Umbetter des Volksbundes damit beauftragt, ein Areal der späteren Kriegsgräberstätte zu öffnen, um zu belegen, dass es sich um die vermutete Grablage der Kalmenhof-Opfer handelt. Damals stieß Hans-Joachim Kahlo auf die sterblichen Überreste zweier Kinder, die dort übereinander bestattet worden waren.

Mit der vom Volksbund 2020 dokumentierten Bodenöffnung sind nun die Grablagen von fünf Kindern an zwei unterschiedlichen Stellen des Gräberfeldes nachgewiesen. Da die Grenzen der Grabstätte jedoch weder 1982 noch 2020 festgestellt werden durften, hat der Volksbund nun darum gebeten, dies jetzt mit weiteren Grabungen nachholen zu dürfen. Die Behörden haben den Antrag dazu genehmigt, der Auftrag soll Mitte März ausgeführt werden. 

Schließt sich dann der Kreis?

Mit der Feststellung der Grenzen der Kriegsgräberstätte Idstein-Kalmenhof auf dem Gelände des Landeswohlfahrtsverbandes wäre aus Sicht des Volksbunds ein weiteres Etappenziel erreicht. Der hessische Landesverband, der die Arbeiten mit Geschäftsführerin Viola Krause begleitet, hat empfohlen, die Grabfläche im Anschluss an die letzten Grabungen hangseitig einzufassen, damit Kriegsgräberstätte und Grablagen dauerhaft geschützt sind.

Außerdem hat der Volksbund Hessen angeregt, die bekannten Namen aller im Kalmenhof-Krankenhaus ermordeten Opfer in geeigneter Form unmittelbar an der Grabfläche sichtbar zu machen und die Namen  durch eine Informationstafel sinnvoll zu ergänzen. Weil die Kennzeichnung einzelner Gräber nicht möglich ist, wird der Volksbund nach Abschluss der diesjährigen Bodenöffnungen einen alternativen Vorschlag dazu erarbeiten. 

Außerdem – so die Empfehlung des Volksbunds gegenüber der Stadt Idstein – sollte es auf dem Städtischen Friedhof einen Ort des Gedenkens geben: an der Stelle, wo bis 1971 die Grablage der Kalmenhof-Opfer war. Auch dort sollte das Areal gekennzeichnet sein, sollte es eine Informationstafel geben, die die wesentlichen Fakten dokumentiert. Zukünftig könnte so die Erinnerung an die ermordeten Kinder und Jugendlichen unmittelbarer Teil des städtischen Gedenkens am Volkstrauertag werden, das jährlich auf der Kriegsgräberstätte des Städtischen Friedhofs stattfindet.

Was fehlt?

Das wurde deutlich bei der Wiedereinbettung der drei exhumierten Opfer: Es fehlten diejenigen, die ganz unmittelbar zu ihnen und den auf diesem Gräberfeld vermuteten mehr als 300 Toten gehören: die Angehörigen. Sie waren nicht dabei, weil es – so die Aussage des Leiters der Gedenkstätte Hadamar auf die Frage der Landesgeschäftsführerin – keine Kontakte zu ihnen gebe.

Die Hoffnung des Volksbundes, dass sie durch die Presseberichte aufmerksam würden und sich – zumindest im Nachgang zur Gedenkstunde – beim Landeswohlfahrtsverband Hessen, der Gedenkstätte Hadamar, dem Volksbund Hessen, bei Vitos Rheingau GmbH oder der Stadt Idstein melden würden, blieb bisher unerfüllt. Die Frage wäre also, wie und durch wen sich diese Lücke schließen lässt. Die Gedenkstätte Hadamar, ebenso vielleicht der im November 2018 gegründete Verein „Gedenkort Kalmenhof“ wären geeignete Akteure für diese Aufgabe. Ebenfalls offen ist die Frage, ob und wer diese Kriegsgräberstätte zu einem historisch-politischen Lernort weiterentwickelt. 

Aus Sicht des Volksbundes könnten heute bereits Schulen der Region angesprochen und insbesondere junge Menschen fachlich begleitet werden, wenn sie sich mit den Gräbern, den Schicksalen, dem Thema der NS-„Euthanasie“, der Rolle des medizinischen Personals und der damaligen Stadtgesellschaft auseinandersetzen wollen – oder mit der Frage, wie diese Toten und die grausamen Umstände ihres Todes damals wie heute wahrgenommen werden. Und nicht zuletzt damit, ob und wie an sie erinnert wird. 

Text: Viola Krause (Geschäftsführerin des Landesverbandes Hessen)

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